Medizin & Wissenschaft

CVI Symptomatik und Funktionsbereiche

15 visuelle Teilleistungsbereiche und ihre Auswirkungen

Inhaltsübersicht (17 Abschnitte)
Quellen:Q6Q7

Überblick

CVI ist bei jedem Menschen anders. Die Beeinträchtigungen lassen sich neuroanatomisch dem dorsalen und ventralen Strom zuordnen, können aber in individueller Kombination und Schwere auftreten. [Q7]

1. Visuelle Fatigue (Erschöpfung)

Der "größte gemeinsame Nenner" aller CVI-Betroffenen. [Q7, Q1]

Ursachen

  • Visuelle Informationen sind nicht zuverlässig
  • Verarbeitung visueller Informationen ist verlangsamt
  • Verarbeitung erfolgt seriell (nicht parallel)
  • Visuelle Informationen können nicht gefiltert werden
  • "Sehen" verbraucht bei CVI-Kindern enorme kognitive Ressourcen [Q7]

Kernproblem

Das "Sehen", welches ursächlich für die Erschöpfung ist, kann nicht bewusst ausgeschaltet werden. Das "Sehen" ist immer aktiv. [Q7]

Auswirkungen der Fatigue

  • Emotionale Überforderung
  • Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen
  • Verbale Äußerungen nicht mehr möglich
  • Schlechtere Verarbeitung auditiver Informationen
  • Schwankende Leistungen über den Tag verteilt
  • Leistungsverweigerung als Schutzmechanismus [Q1, Q7]

Schulische Konsequenz

Selbst wenn Kinder in der Schule unauffällig erscheinen, sind die Folgen spätestens zu Hause zu spüren. Hausaufgaben, Vokabellernen und Prüfungsvorbereitung leiden unter der Erschöpfung vom Schultag. [Q7]

→ Maßnahme: Sehpausen, reduzierter Umfang, Zeitzugaben → 11 Nachteilsausgleich

2. Visuelle Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit

Lesevorgang als Beispiel

  • Normales Lesen: Wörter werden als Gesamtbild erkannt (nicht Buchstabe für Buchstabe)
  • Visuelles Erkennen von Rechtschreibfehlern: 0,01 Sekunden
  • Abrufen von Rechtschreibregeln: 1 Sekunde (100x langsamer!)
  • Schüler mit Leseschwierigkeiten: max. 2-3 Buchstaben in 0,8 Sekunden
  • Schüler ohne Einschränkung: doppelt so viele Buchstaben in 0,1 Sekunden (8x schneller bei doppelter Menge) [Q7]

"Es ist, als ob die Buchstaben miteinander tanzen würden." [Q6]

3. Crowding (Trennschwierigkeiten)

Schwierigkeit, eng beieinander liegende visuelle Eindrücke zu verarbeiten. [Q6, Q7]

Auswirkungen:

  • Konturen werden nicht klar abgegrenzt gesehen und verschwimmen
  • Kleine Details in Texten und Bildern werden nicht wahrgenommen
  • Texte auf farbigem Untergrund (Schulbücher!) werden zum Problem
  • Buchstabenfolgen können nicht abgegrenzt werden
  • Zeilen verschwimmen [Q1, Q6]

4. Kontrastwahrnehmung

"Als Kontrastwahrnehmung bezeichnet man die Fähigkeit, verschiedene helle optische Reize visuell zu unterscheiden. Das Kontrastsehen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Sehschärfe." [Q7]

Betroffene Kinder brauchen:

  • Hohen Kontrast (schwarz auf weiß, nicht grau auf weiß)
  • Vermeidung von gemustertem Hintergrund
  • Gute, blendfreie Beleuchtung → 05 Pädagogische Strategien

5. Gesichtsfeld und Aufmerksamkeitsfeld

Gesichtsfeld

  • Normal: 140° horizontal, 110° vertikal (Erwachsene)
  • Gesichtsfeldausfälle bei CVI: Hohe Anzahl kleiner Blickbewegungen, deutlich verlängerte Explorationsdauer
  • Abhängig von: visuell-räumlicher Aufmerksamkeit, Anzahl dargebotener Reize, visuellem Neugierdeverhalten
  • Kinder mit angeborenem Gesichtsfeldausfall haben oft kein Bewusstsein dafür [Q7]

Aufmerksamkeitsfeld

  • Kann auf sehr kleinen Bereich eingeschränkt werden (bis zu einzelnem Reiz)
  • Führt zu Einbußen beim Überblick einer Szene
  • Beeinträchtigt die räumliche Orientierung
  • Gesichtsfeld und Aufmerksamkeitsfeld stimmen nicht immer überein [Q7]

6. Aufmerksamkeitssteuerung

Zwei Dimensionen der Aufmerksamkeit:

Intensität Selektivität
Kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit Konzentrationsfähigkeit
Aufmerksamkeitsaktivierung Fokussierung auf relevante Reize / Ausblenden irrelevanter Reize
Aufrechterhaltung über längeren Zeitraum Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus
Multi-Tasking

Bei CVI können alle blau markierten Bereiche betroffen sein. [Q7]

Zwei Richtungen der Aufmerksamkeitssteuerung:

  1. Bottom-up: Durch interessanten Reiz geweckt
  2. Top-down: Bewusst auf Reiz gelenkt

"Visuelle Wahrnehmung und visuelle Aufmerksamkeit sind untrennbar miteinander verknüpft." [Q7]

7. Visuelles Gedächtnis

  • Betrifft vor allem das Arbeitsgedächtnis (kurzfristige visuelle Merkfähigkeit)
  • Benötigt für: Abschreiben von der Tafel, viele Arbeitsaufträge
  • Kinder spielen nicht gerne Memory
  • Probleme beim Merken von Wegen und Landmarken
  • Grundformen der Buchstaben in verschiedenen Schriftarten nicht wiedererkannt [Q5, Q8]

8. Visuelle Suche und Exploration

Zwei Formen

Visuelle Exploration Visuelle Suche
Freie, zielgerichtete visuelle Untersuchung der Umgebung, einer Szene oder eines Objektes Fähigkeit, einen einzelnen Reiz unter Störreizen herauszufinden

Betroffene Kinder (Häufigkeit bei CVI):

  • Effiziente Koordination der Augenbewegungen für visuelle Exploration: 93% betroffen
  • Visuelle Exploration: 88% betroffen
  • Erhöhter Zeitbedarf
  • Mehr Auslassungsfehler
  • Beeinträchtigte Integration visueller Informationen
  • Unsystematische Suchstrategie → beeinträchtigt Lesen lernen [Q7]

9. Räumlich-visuelle Wahrnehmung

Raumwahrnehmung

Wahrnehmung und Verarbeitung von:

  • Position, Entfernung, Richtung eines visuellen Reizes
  • Räumliche Beziehung visueller Reize untereinander
  • Szenenwahrnehmung
  • Räumliche Eigenschaften einzelner Objekte [Q7]

Topografische Orientierung

  • Fähigkeit, den Weg durch Umgebungen großer räumlicher Reichweite zu finden
  • Setzt effiziente Raumwahrnehmung voraus
  • Betroffene Kinder haben Schwierigkeiten, sich Wege einzuprägen [Q7]

10. Visiomotorik und Okulomotorik

Visiomotorik

Die Entwicklung motorischer Aktivitäten ist vom visuellen Entwicklungsstand abhängig und beeinflusst umgekehrt die visuelle Entwicklung:

  • Blick- und Greifmotorik
  • Feinmotorik (Hand- und Fingerbewegungen)
  • Körperhaltung
  • Fortbewegung [Q7]

→ Große Schwierigkeiten beim Schrift-Schreib-Erwerb und beim Nachahmen von Bewegungen

Handschrift bei CVI – ein Sonderfall der Visiomotorik

Die Handschrift ist bei CVI-Kindern häufig dauerhaft beeinträchtigt. Dies liegt an der Kombination aus gestörter Auge-Hand-Koordination, eingeschränktem visuellem Arbeitsgedächtnis und der seriellen Verarbeitung. Das Kind muss nacheinander: das Buchstabenbild erinnern, die Position auf dem Blatt finden und die Hand steuern – was bei neurotypischen Kindern automatisch und gleichzeitig abläuft.

Entscheidend: Eine unleserliche Handschrift bei CVI ist keine Frage der Motivation und auch kein Zeichen mangelnder Übung. Es ist eine direkte neurologische Folge. Die Bewertung der äußeren Form ist bei CVI-Kindern unzulässig (→ 11 Nachteilsausgleich). Der Laptop/PC als Schreibwerkzeug ist die effektivste Maßnahme.

→ Details: 07 CVI nach Fächern – Handschrift

Okulomotorik

→ Details siehe 02 Neuroanatomie

11. Gleichzeitige Verarbeitung verschiedener Sinneseindrücke

"Während die Kinder einer visuellen Herausforderung folgen, können sie nicht auditiven Reizen folgen. Es scheint eine Einbahnstraße in der Verarbeitung der Informationen vorzuliegen." [Q7]

Konsequenz: Viele Kinder entscheiden sich (unbewusst) dazu, visuell dargebotene Informationen während des Unterrichts auszublenden und sich eher auf auditive Reize zu verlassen. [Q7]

→ Pädagogische Konsequenz: Erst zeigen, dann erklären (nicht gleichzeitig!) → 05 Pädagogische Strategien

12. Gesichtererkennung (Prosopagnosie)

  • Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen
  • Probleme beim Interpretieren von Mimik und Körpersprache
  • Bekannte Personen werden in fremder Umgebung oder auf Fotos nicht erkannt
  • Familienmitglieder außerhalb gewohnter Zusammenhänge nicht erkannt [Q1, Q5, Q6, Q8]

→ Massive Auswirkungen auf soziale Interaktion → 07 CVI nach Fächern

13. Bewegungswahrnehmung

  • Schwierigkeiten beim Sehen von schnell bewegten Dingen
  • Filme mit schnellen Bildwechseln werden nicht gut wahrgenommen
  • Umfelderkennung aus fahrendem Auto/Zug schwierig; besser aus stehendem Fahrzeug [Q6]

14. Form-, Figur- und Objekterkennung

  • Schwierigkeiten beim Erkennen von Formen und Objekten
  • Mögliche Fehlinterpretationen von Gegenständen
  • Probleme bei Figur-Grund-Wahrnehmung
  • Überforderung bei Arbeitsblättern mit farbigem/unruhigem Hintergrund [Q5, Q6]

15. Farbwahrnehmung

  • Kann bei CVI beeinträchtigt sein
  • Schwierigkeiten, Farben richtig zu erkennen
  • Gleichzeitig: Farbe kann als Kompensationsstrategie eingesetzt werden (z.B. farbige Markierungen) [Q6, Q26]

Zusammenfassung der Auswirkungen auf schulische Bereiche

Bereich Funktionale Beeinträchtigung
Lesen Buchstabenfolgen nicht abgrenzbar; Zeilen verschwimmen; Fokus geht verloren
Mathematik Zahlenraum schwer erfassbar; Spalten nicht ausrichtbar; räumliche Orientierungsfehler
Schreiben Mangelnde Auge-Hand-Koordination; Linie nicht haltbar; Abschreiben von Tafel schwierig
Orientierung Überblick in belebten Fluren verloren; Hindernisse übersehen
Soziale Interaktion Prosopagnosie; Mimik/Körpersprache nicht interpretierbar
Sport/Bewegung Stürze, Zusammenstöße; Entfernungen falsch eingeschätzt
[Q1, Q5, Q8]

Querverweise:

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