Der visuelle Verarbeitungsweg
Vom Auge zum Gehirn
- Lichteinfall: Reflektiertes Licht gelangt durch Hornhaut, Linse und Glaskörper auf die Netzhaut
- Netzhaut: Das Bild wird spiegelverkehrt, verkleinert und auf dem Kopf stehend abgebildet
- Fotorezeptoren: Wandeln Lichtsignale in Nervenimpulse um
- Sehnerv (Nervus opticus): Leitet Impulse weiter
- Chiasma opticum: Sehnerven kreuzen sich - linkes Gesichtsfeld → rechte Gehirnhälfte und umgekehrt
- Corpus geniculatum laterale (seitlicher Kniehöcker): Zwischenstation
- Primäre Sehrinde (V1) im Okzipitallappen: Erste grobe Bildanalyse von Konturen, Linien, Farben, Formen, Bewegungen
- Sekundäre visuelle Verarbeitungsareale: Weiterleitung in dorsalen und ventralen Strom [Q6, Q26]
CVI betrifft alles hinter dem Chiasma opticum - von dort beginnt die zerebrale Verarbeitung. [Q6]
Visuomotorik (Qualität der eingehenden Informationen)
| Funktion | Beschreibung |
|---|---|
| Akkommodation | Scharfstellung der Linse für verschiedene Entfernungen |
| Konvergenz | Beidäugige Ausrichtung auf ein Nahziel |
| Pupillenverengung | Regulation des Lichteinfalls |
| Fixation | Aktives, aufmerksamkeitsgesteuertes Festhalten eines Objektes |
| Augenfolgebewegung | Verfolgen bewegter Reize |
| Sakkaden | Schnelle Blicksprünge zu neuen Blickzielen |
| [Q6] |
Basisleistungen des Sehens
- Sehschärfe (Visus): Nah und Fern
- Kontrastsensitivität: Fähigkeit, verschiedene helle optische Reize zu unterscheiden
- Farbsehen
- Gesichtsfeld: Bei Erwachsenen ca. 140° horizontal, 110° vertikal
- Visuelle Adaptation: Anpassung an Helligkeitsverhältnisse
- Beidäugiges Sehen/Stereosehen: 3D-Wahrnehmung [Q6, Q26]
Die zwei Hauptverarbeitungsströme
Dorsaler Strom ("Wo- und Wie-Pfad")
Verlauf: Okzipitallappen → hinterer Parietallappen (Scheitellappen)
Zuständig für:
- Bewegungswahrnehmung - Erkennen und Verfolgen von Bewegung
- Raumwahrnehmung - Orientierung im Raum und zur eigenen Person; Bestimmung von Positionen, Richtungen, Größen, Längen, Winkeln, Entfernungen
- Visuomotorische Koordination - Auge-Hand, Auge-Fuß
- Automatisierte visuell-motorische Integration (unbewusst)
- Visuomotorische Steuerung
- Visuelles Raumgedächtnis
- Visuelle Suche und visuelle Aufmerksamkeit [Q6, Q26]
Dorsale Dysfunktionen und ihre Auswirkungen:
| Bereich | Auswirkungen |
|---|---|
| Aufmerksamkeit | Kann nicht gleichzeitig sehen und hören; schnelle Frustration bei Ablenkungen |
| Visuelle Komplexität | Spielzeug in Kiste nicht finden; Gegenstände auf gemustertem Untergrund nicht sehen; überladene Schulbuchseiten |
| Distanzsehen | Gegenstände in der Ferne schwer erkennbar; Tendenz sich in belebter Umgebung zu verlaufen |
| Crowding | Kleiner werdende, enger zusammenstehende Schrift nicht lesbar |
| Räumliche Verarbeitung | Schwierigkeiten beim Zeichnen, Puzzeln, Lego; bewegte Bilder schwer wahrnehmbar |
| Bewegungssteuerung | Probleme bei Bodenschwellen, Bordsteinkanten, Treppen, Rolltreppen; ungenaues Greifen |
| [Q6] |
Ventraler Strom ("Was- und Wer-Pfad")
Verlauf: Okzipitallappen → Temporallappen (Schläfenlappen)
Zuständig für:
- Farberkennung
- Formerkennung
- Figuren- und Objekterkennung
- Buchstabenerkennung
- Gesichts- und Mimik-Erkennung
- Visuelles Erkennen (Details) und Gedächtnis = "Visuelle Bibliothek" [Q6, Q26]
Ventrale Dysfunktionen und ihre Auswirkungen:
| Bereich | Auswirkungen |
|---|---|
| Wiedererkennung | Menschen (auch Familie) außerhalb gewohnter Kontexte nicht erkannt; Tiere, Formen, Gegenstände nicht erkannt → Fehlinterpretationen |
| Gesichtsausdrücke | Erkennen, Interpretieren und Verstehen von Mimik erschwert → soziale Situationen schwierig |
| Orientierung | Orientierungsverlust auch in bekannter Umgebung; Kind kann ängstlich und zurückhaltend werden |
| [Q6] |
Zusammenspiel beider Ströme
"Beide Systeme - dorsaler Strom und ventraler Strom - arbeiten eng miteinander und stehen zu anderen Gehirnregionen in enger Verbindung. Der dorsale Strom - oder besser das dorsale Netzwerk - zum Beispiel mit dem Frontallappen, um entsprechend die Aufmerksamkeit auf bedeutende Bereiche zu gewährleisten." [Q6]
Viele Bereiche des Gehirns sind an der visuellen Verarbeitung beteiligt. Bei einer Hirnschädigung können verschiedene Areale betroffen sein, was zu unterschiedlichsten Funktionsverlusten führt. [Q6]
Okulomotorik bei CVI
Relevante okulomotorische Systeme
| Nr. | System | Funktion |
|---|---|---|
| 1 | Sakkadisches System | Erfassung neuer Blickziele (Richtung, Amplitude, Geschwindigkeit) |
| 2 | Augenfolgesystem | Verfolgen bewegter Reize, Bildstabilisierung auf der Netzhaut |
| 3 | Optokinetischer Nystagmus | Stabilisierung großflächiger bewegter Reize |
| 4 | Vestibulookulärer Reflex | Stabilisierung bei Kopfbewegungen |
| 5 | Vergenz | Beidäugiges Sehen |
| 6 | Fixation | Aktives Festhalten eines Objektes |
| [Q7] |
Häufige Phänomene bei CVI
- Nystagmus (unkontrollierbares Augenzittern) - begünstigt die Entstehung von CVI [Q7]
- Strabismus (Schielen) - fehlerhafte motorische Koordination beider Augen [Q7]
- Beeinträchtigung der Fixation - bei 84% der CVI-Betroffenen [Q7]
Bedeutung für die pädagogische Praxis
"Sehen ist in 1. Linie eine Leistung des Gehirns." [Q6]
- Das Auge ist nur das "Einfallstor" - auch dort kann es Stolpersteine geben
- Der viel größere Anteil der Verarbeitung findet im Gehirn statt
- Sehen basiert auf zahlreichen Sehfunktionen, die unabhängig voneinander verändert sein können und sich gegenseitig beeinflussen [Q6]
→ Konsequenz: Eine augenärztliche Untersuchung allein reicht für CVI-Diagnostik nicht aus → 04 Diagnostik
Querverweise:
- → 01 CVI Grundlagen - Definitionen und Ätiologie
- → 03 Symptomatik - Funktionale Auswirkungen im Detail
- → 04 Diagnostik - Untersuchungsverfahren
- → 07 CVI nach Fächern - Auswirkungen im Unterricht