Medizin & Wissenschaft

Neuroanatomie und Sehverarbeitung

Wie das Sehen im Gehirn funktioniert – dorsaler und ventraler Strom

Inhaltsübersicht (5 Abschnitte)
Quellen:Q6Q7

Der visuelle Verarbeitungsweg

Vom Auge zum Gehirn

  1. Lichteinfall: Reflektiertes Licht gelangt durch Hornhaut, Linse und Glaskörper auf die Netzhaut
  2. Netzhaut: Das Bild wird spiegelverkehrt, verkleinert und auf dem Kopf stehend abgebildet
  3. Fotorezeptoren: Wandeln Lichtsignale in Nervenimpulse um
  4. Sehnerv (Nervus opticus): Leitet Impulse weiter
  5. Chiasma opticum: Sehnerven kreuzen sich - linkes Gesichtsfeld → rechte Gehirnhälfte und umgekehrt
  6. Corpus geniculatum laterale (seitlicher Kniehöcker): Zwischenstation
  7. Primäre Sehrinde (V1) im Okzipitallappen: Erste grobe Bildanalyse von Konturen, Linien, Farben, Formen, Bewegungen
  8. Sekundäre visuelle Verarbeitungsareale: Weiterleitung in dorsalen und ventralen Strom [Q6, Q26]

CVI betrifft alles hinter dem Chiasma opticum - von dort beginnt die zerebrale Verarbeitung. [Q6]

Visuomotorik (Qualität der eingehenden Informationen)

Funktion Beschreibung
Akkommodation Scharfstellung der Linse für verschiedene Entfernungen
Konvergenz Beidäugige Ausrichtung auf ein Nahziel
Pupillenverengung Regulation des Lichteinfalls
Fixation Aktives, aufmerksamkeitsgesteuertes Festhalten eines Objektes
Augenfolgebewegung Verfolgen bewegter Reize
Sakkaden Schnelle Blicksprünge zu neuen Blickzielen
[Q6]

Basisleistungen des Sehens

  • Sehschärfe (Visus): Nah und Fern
  • Kontrastsensitivität: Fähigkeit, verschiedene helle optische Reize zu unterscheiden
  • Farbsehen
  • Gesichtsfeld: Bei Erwachsenen ca. 140° horizontal, 110° vertikal
  • Visuelle Adaptation: Anpassung an Helligkeitsverhältnisse
  • Beidäugiges Sehen/Stereosehen: 3D-Wahrnehmung [Q6, Q26]

Die zwei Hauptverarbeitungsströme

Dorsaler Strom ("Wo- und Wie-Pfad")

Verlauf: Okzipitallappen → hinterer Parietallappen (Scheitellappen)

Zuständig für:

  • Bewegungswahrnehmung - Erkennen und Verfolgen von Bewegung
  • Raumwahrnehmung - Orientierung im Raum und zur eigenen Person; Bestimmung von Positionen, Richtungen, Größen, Längen, Winkeln, Entfernungen
  • Visuomotorische Koordination - Auge-Hand, Auge-Fuß
  • Automatisierte visuell-motorische Integration (unbewusst)
  • Visuomotorische Steuerung
  • Visuelles Raumgedächtnis
  • Visuelle Suche und visuelle Aufmerksamkeit [Q6, Q26]

Dorsale Dysfunktionen und ihre Auswirkungen:

Bereich Auswirkungen
Aufmerksamkeit Kann nicht gleichzeitig sehen und hören; schnelle Frustration bei Ablenkungen
Visuelle Komplexität Spielzeug in Kiste nicht finden; Gegenstände auf gemustertem Untergrund nicht sehen; überladene Schulbuchseiten
Distanzsehen Gegenstände in der Ferne schwer erkennbar; Tendenz sich in belebter Umgebung zu verlaufen
Crowding Kleiner werdende, enger zusammenstehende Schrift nicht lesbar
Räumliche Verarbeitung Schwierigkeiten beim Zeichnen, Puzzeln, Lego; bewegte Bilder schwer wahrnehmbar
Bewegungssteuerung Probleme bei Bodenschwellen, Bordsteinkanten, Treppen, Rolltreppen; ungenaues Greifen
[Q6]

Ventraler Strom ("Was- und Wer-Pfad")

Verlauf: Okzipitallappen → Temporallappen (Schläfenlappen)

Zuständig für:

  • Farberkennung
  • Formerkennung
  • Figuren- und Objekterkennung
  • Buchstabenerkennung
  • Gesichts- und Mimik-Erkennung
  • Visuelles Erkennen (Details) und Gedächtnis = "Visuelle Bibliothek" [Q6, Q26]

Ventrale Dysfunktionen und ihre Auswirkungen:

Bereich Auswirkungen
Wiedererkennung Menschen (auch Familie) außerhalb gewohnter Kontexte nicht erkannt; Tiere, Formen, Gegenstände nicht erkannt → Fehlinterpretationen
Gesichtsausdrücke Erkennen, Interpretieren und Verstehen von Mimik erschwert → soziale Situationen schwierig
Orientierung Orientierungsverlust auch in bekannter Umgebung; Kind kann ängstlich und zurückhaltend werden
[Q6]

Zusammenspiel beider Ströme

"Beide Systeme - dorsaler Strom und ventraler Strom - arbeiten eng miteinander und stehen zu anderen Gehirnregionen in enger Verbindung. Der dorsale Strom - oder besser das dorsale Netzwerk - zum Beispiel mit dem Frontallappen, um entsprechend die Aufmerksamkeit auf bedeutende Bereiche zu gewährleisten." [Q6]

Viele Bereiche des Gehirns sind an der visuellen Verarbeitung beteiligt. Bei einer Hirnschädigung können verschiedene Areale betroffen sein, was zu unterschiedlichsten Funktionsverlusten führt. [Q6]

Okulomotorik bei CVI

Relevante okulomotorische Systeme

Nr. System Funktion
1 Sakkadisches System Erfassung neuer Blickziele (Richtung, Amplitude, Geschwindigkeit)
2 Augenfolgesystem Verfolgen bewegter Reize, Bildstabilisierung auf der Netzhaut
3 Optokinetischer Nystagmus Stabilisierung großflächiger bewegter Reize
4 Vestibulookulärer Reflex Stabilisierung bei Kopfbewegungen
5 Vergenz Beidäugiges Sehen
6 Fixation Aktives Festhalten eines Objektes
[Q7]

Häufige Phänomene bei CVI

  • Nystagmus (unkontrollierbares Augenzittern) - begünstigt die Entstehung von CVI [Q7]
  • Strabismus (Schielen) - fehlerhafte motorische Koordination beider Augen [Q7]
  • Beeinträchtigung der Fixation - bei 84% der CVI-Betroffenen [Q7]

Bedeutung für die pädagogische Praxis

"Sehen ist in 1. Linie eine Leistung des Gehirns." [Q6]

  • Das Auge ist nur das "Einfallstor" - auch dort kann es Stolpersteine geben
  • Der viel größere Anteil der Verarbeitung findet im Gehirn statt
  • Sehen basiert auf zahlreichen Sehfunktionen, die unabhängig voneinander verändert sein können und sich gegenseitig beeinflussen [Q6]

→ Konsequenz: Eine augenärztliche Untersuchung allein reicht für CVI-Diagnostik nicht aus → 04 Diagnostik


Querverweise:

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