Forschung & Quellen

Aktuelle Forschung

Studien, Therapieansätze, Growing up with CVI

Inhaltsübersicht (5 Abschnitte)

Schlüsselstudien

1. Neurokognitive Profile bei CVI (Zihl, Lippenberger, Unterberger, 2023)

  • Vergleich: CVI-Gruppe (n=94) vs. Nicht-CVI-Gruppe (n=77), Alter 5-17 Jahre
  • Ergebnis: CVI-Gruppe zeigte signifikant mehr Auffälligkeiten in der visuellen Wahrnehmung
  • Überraschend: Nicht-CVI-Gruppe hatte mehr ADHS-Diagnosen, die CVI-ähnliches Verhalten verursachten
  • Keine Korrelation zwischen Sehschärfe und visuellen Wahrnehmungsleistungen
  • Fazit: Anamnese und Fragebögen ersetzen nicht die umfassende Untersuchung [Q13]

2. CVI und Autismus-Spektrum-Störung (Schroeder, 2023)

  • Vergleich: 33 Kinder mit CVI-Eingangsdiagnose vs. 33 Kinder mit ASS-Eingangsdiagnose (6-14 Jahre)
  • Ergebnisse bei ASS-Kindern:
    • 55% hatten unbekannte Beeinträchtigungen des peripheren Sehapparates
    • 45-67% zeigten Auffälligkeiten in der visuellen Wahrnehmung
    • 15% hatten vorab bekannte komorbide CVI
  • Ergebnisse bei CVI-Kindern:
    • 39% zeigten Auffälligkeiten in ASS-Diagnostikverfahren
    • Nur bei 9% war ASS vorab bekannt
  • Fazit: Enge symptomatische Verbindung → ASS als Differentialdiagnose und Komorbidität beachten [Q13]

3. Prävalenz in Regelschulen (Williams et al., 2021)

  • Ort: Regelgrundschulen in Großbritannien
  • Ergebnis: Bis zu 3% Prävalenz von CVI-bezogenen Sehschwierigkeiten
  • Bedeutung: Hochgerechnet ca. 1 von 30 Kindern betroffen
  • Vergleichbare Studien für Österreich/Deutschland fehlen [Q1, Q13]

4. NIH CVI Workshop Working Definition (Chang & Merabet, 2024)

  • Veröffentlicht in Ophthalmology
  • Erarbeitung einer konsensbasierten Arbeitsdefinition für CVI
  • 5 Kernelemente definiert (siehe 01 CVI Grundlagen)
  • Ziel: Vereinheitlichung von Forschung und klinischer Praxis [Q10]

5. Lived Experiences mit CVI (Bennett et al., 2025)

  • Veröffentlicht in Frontiers in Human Neuroscience
  • Fokus auf Erfahrungen aus der Perspektive der Betroffenen
  • Themen: Lernen, Navigation, Sozialisation, psychische/physische Gesundheit
  • Kompensationsstrategien aus Betroffenenperspektive
  • Wichtig für: Verständnis der Alltagsauswirkungen [Q20]

6. Therapiestudien (Delay et al., 2023) - Scoping Review

  • 23 einschlägige Arbeiten identifiziert
  • 17 Studien zu: Visuelle Stimulation, Sehstrategietraining, Umweltanpassung
  • Visuelle Stimulation: Verbesserung von Aufmerksamkeit, visueller Neugierde, weniger Bedarf an Licht/Kontrast
  • Sehstrategietrainings: Vielversprechende Ergebnisse bei Sehschärfe, Kontrastwahrnehmung, visueller Aufmerksamkeit
  • Umweltanpassung: Entzerren visueller Reize, taktile Reize, Kontraste erhöhen → wirksam
  • Kritik: Hochwertige randomisierte kontrollierte Studien fehlen nahezu vollständig [Q13]

Forschungsprojekte

"Growing up with CVI" (FHNW, Schweiz) [Q9]

  • Fachhochschule Nordwestschweiz
  • Untersuchung der Prävalenz von CVI bei Kindern in der Schweiz
  • Ziel: Bessere Unterstützung betroffener Kinder und Familien
  • Unterstreicht die Notwendigkeit, Bewusstsein bei Lehrkräften zu schärfen [Q1, Q9]

"Wenn die Wahrnehmung durcheinander gerät" (PH Steiermark / Odilien-Institut)

  • Pädagogische Hochschule Steiermark
  • Leitung: Gertrude Jaritz und Birgit Schloffer
  • Grundlagenforschung für die BMBWF-Broschüre "Das Kind mit CVI" (2015) [Q26]

Herausforderungen in der Forschung

  1. Fehlende ICD-Kodierung: CVI ist im ICD-11 weiterhin nicht als explizite Diagnose enthalten → erschwert Forschung und Datenerfassung [Q13]
  2. Fehlende Diagnosekriterien: Keine standardisierten, allgemein akzeptierten Kriterien
  3. Heterogenität: Jedes Kind mit CVI ist anders → große Varianz erschwert Studien
  4. Fehlende Prävalenzstudien für Österreich und Deutschland [Q13]
  5. Wenige Therapiestudien: Kaum randomisierte kontrollierte Studien [Q13]
  6. Geringe Zahl ambulanter Neuropsycholog:innen: Diagnostischer Engpass [Q13]

Neue Fragestellungen

Zunehmend rücken auch Themen des Übergangs ins Erwachsenenleben in den Fokus [Q13]:

  • Fahrtauglichkeit bei CVI
  • Geeignete Berufsbilder und Ausbildungslehrgänge
  • Anpassungen des Arbeitsplatzes
  • Integration in den ersten Arbeitsmarkt
  • Andere Kostenträger ab 18 Jahren

Positive Entwicklungen

  • Zunehmendes Interesse in der Augenheilkunde [Q13]
  • Spezialisiertes Weiterbildungscurriculum in der Orthoptik (Berufsverband Orthoptik e.V.)
  • Verbesserte Versorgung durch Reform des Psychotherapeutengesetzes (DE, 2019) → künftig mehr ambulante Neuropsycholog:innen [Q13]
  • Multidisziplinäre Diagnostik hat sich durchgesetzt [Q13]
  • CVI-Box von orthoptik austria → standardisierte Diagnostik [Q5, Q8]

Querverweise:

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