Grundprinzip
Effektive Förderung bei CVI basiert auf der Erkenntnis, dass das Gehirn durch gezielte Reize und strukturelle Anpassungen lernen kann, visuelle Informationen besser zu verarbeiten. [Q1]
1. De-Cluttering: Reduktion visueller Komplexität
Die wichtigste einzelne Maßnahme. [Q1]
Arbeitsblätter
- Nur eine Aufgabe pro Seite
- Klare Abgrenzungen zwischen Bereichen
- Verzicht auf rein dekorative Illustrationen
- Keine ablenkenden Grafiken
- Klare, serifenlose Schriften
- Ausreichend große Schrift
- Vergrößerte Zeilen- und Wortabstände [Q1, Q6]
Arbeitsplatz
- Einfarbig und matt gestalten
- Schwarzes Tuch oder dunkle Matte → hebt Objekte durch hohen Kontrast hervor
- Aufgeräumte, ablenkungsfreie Umgebung
- Offene Regale im Klassenzimmer verhängen → minimiert visuelles Rauschen [Q1, Q6]
Allgemeine Umgebung
- Reizarme Raumgestaltung
- Gute, blendfreie Beleuchtung
- Feste, verlässliche Raumgestaltung (keine ständigen Umräumungen)
- Fester Sitzplatz [Q6, Q22]
2. Multisensorische Kompensation
Da der visuelle Kanal unzuverlässig ist, müssen Kinder lernen, Informationen über andere Sinne zu verifizieren. [Q1]
Serielle Verarbeitung beachten!
Ein Kind mit CVI kann oft nicht gleichzeitig schauen und zuhören. [Q1, Q7]
Richtige Reihenfolge:
- Erst das Objekt/Material präsentieren
- Dem Kind Zeit zum visuellen Erfassen geben
- Dann erst verbal erklären
Falsch: Gleichzeitig zeigen und erklären!
Kompensatorische Sinne
- Taktil: Objekte anfassen, ertasten
- Auditiv: Vorlesen, Audiobeschreibungen
- Kinästhetisch: Bewegung einbeziehen, Buchstaben mit dem Körper formen [Q1, Q3]
3. Training visueller Strategien
- Systematisches Training der Blickbewegungen (Sakkaden und Folgebewegungen)
- Einüben von Suchstrategien (z.B. systematisches Scannen von oben links nach unten rechts)
- "Low Vision"-Prinzipien anwenden
- Steigerung der visuellen Effizienz durch Übung [Q1, Q6]
4. Zeitmanagement
- Individuelle Zeitzugaben (25% oder mehr)
- Sehpausen zur Regeneration bei Fatigue
- Verlängerung der Vorbereitungszeiten
- Wichtige Aufgaben in die leistungsstärkste Tageszeit legen (meist morgens)
- Reduzierter Arbeitsumfang statt reduziertem Anforderungsniveau [Q1, Q11]
5. Materialanpassung
Textoptimierung
- Serifenlose Schriftarten (Arial, Calibri)
- Mindestens 14pt Schrift (individuell anpassen)
- Vergrößerter Zeilenabstand (1,5-fach oder mehr)
- Vergrößerter Wortabstand
- Nur eine Aufgabe pro Seite
- Klare Strukturierung mit Rahmen/Linien
- Hoher Kontrast (schwarz auf weiß, nicht auf farbigem Papier) [Q6, Q22]
Hilfsmittel am Arbeitsplatz
- Leselineal / Lesefenster zum Abdecken
- Kontrastfolien
- Vergrößerungssoftware
- Bildschirmlesegeräte
- Tafelkamerasysteme (statt Abschreiben von der Tafel)
- Nahvorlage statt Tafel [Q1, Q22]
→ Details: 14 Hilfsmittel
6. Arbeitsplatzgestaltung
| Aspekt | Empfehlung |
|---|---|
| Sitzplatz | Fest, nahe an der Lehrkraft, nicht am Fenster (Blendung) |
| Beleuchtung | Blendungsfrei, gleichmäßig, individuell anpassbar (Arbeitsplatzleuchte) |
| Oberfläche | Matt, einfarbig, hoher Kontrast |
| Umgebung | Reizarm, keine überladenen Wände/Regale im Sichtfeld |
| Akustik | Ruhig (da Hören als Kompensation genutzt wird) |
| Organisation | Feste Plätze für Materialien, Orientierungshilfen |
| [Q6, Q22] |
7. Digitale Medien
- Laptop/PC statt Papier → Vergrößerung, Kontrast anpassbar
- Digitale Schulbücher → individuell konfigurierbar
- Sprachausgabe / Text-to-Speech
- Diktiersoftware / Speech-to-Text
- Vergrößerungssoftware (z.B. ZoomText) [Q1, Q22]
Achtung: Bildschirmarbeit kann ebenfalls zur Fatigue beitragen → Pausen einplanen!
8. Prüfungssituation
- Separater, reizarmer Raum
- Zeitzugaben (individuell festlegen, vorab kommunizieren)
- Sehpausen (Bearbeitungszeit um Pausenzeit verlängern)
- Aufgaben textoptimiert bereitstellen
- Mündlich statt schriftlich als Alternative
- Vorlesen der Aufgaben durch Lehrkraft
- Digitale Bearbeitung ermöglichen [Q2, Q22]
→ Details: 11 Nachteilsausgleich
9. Soziale Integration
- Mitschüler:innen sensibilisieren (altersgerecht über CVI informieren)
- Feste Bezugspersonen
- Strukturierte soziale Situationen
- Hilfe bei Orientierung in Gruppen
- Strategien für Gesichtererkennung (Stimme, Kleidung, Position) [Q6, Q20]
10. Orientierung und Mobilität
- Feste Wege im Schulgebäude
- Taktile und farbige Markierungen an Treppen, Türrahmen
- Frühzeitiges Einüben neuer Wege
- Bei Raumwechseln: zusätzliche Zeit einplanen
- Begleitung in belebten Bereichen (Pausenhof, Flur) [Q3, Q6]
11. Elternarbeit
- Regelmäßiger Austausch über Beobachtungen
- Abstimmung der Strategien zwischen Schule und Zuhause
- Information über Rechte und Ansprüche → 12 Elternrechte
- Gemeinsame Zielsetzung im IBEP → 06 Inspektionsliste [Q26]
Querverweise:
- → 03 Symptomatik - Was ist betroffen
- → 06 Inspektionsliste - Dokumentation und Planung
- → 07 CVI nach Fächern - Fachspezifische Strategien
- → 08 Lehrplanzusatz - Curriculare Grundlage
- → 11 Nachteilsausgleich - Rechtliche Umsetzung
- → 14 Hilfsmittel - Technische Unterstützung