Medizin & Wissenschaft

CVI Grundlagen

Definition, Ursachen und Häufigkeit von CVI

Inhaltsübersicht (6 Abschnitte)
Quellen:Q1Q13Q6Q7

Definition

Cerebrale Visuelle Informationsverarbeitungsstörungen (CVI) sind ein Spektrum von Sehbeeinträchtigungen, deren Ursache nicht im Auge, sondern im Gehirn liegt. Das Gehirn kann die von den Augen korrekt übermittelten Signale nicht adäquat verarbeiten und interpretieren. [Q1, Q10, Q13]

Kerndefinitionen

ICF-basierte Definition (Royal Dutch Visio, 2013):

"Cerebrale Visuelle Informationsverarbeitungsstörungen liegen vor, wenn aufgrund von einer oder mehreren Störungen der visuellen Funktionen Aktivitäten beeinträchtigt sind und/oder Probleme in der Teilhabe im alltäglichen Leben auftreten. Diese sind eine Folge von prüfbaren oder auch nicht prüfbaren Schäden oder einer abweichenden Entwicklung von einer oder mehreren Gehirnregionen." [Q26, Q6]

Definition nach Bals (2009):

"Funktionsstörungen der visuellen Wahrnehmung als Folge von Schädigungen des visuellen Systems hinter dem optischen Chiasma. CVI kann mit und ohne Sehbehinderung auftreten." [Q6, Q13]

NIH Workshop Working Definition (2024) - 5 Kernelemente:

  1. Es handelt sich um ein Spektrum von Sehbeeinträchtigungen
  2. Die Ursache liegt in einer zugrunde liegenden Gehirnabnormalität
  3. Diese beeinträchtigt die Entwicklung der visuellen Verarbeitungswege
  4. Gekennzeichnet durch Defizite in der visuellen Funktion und/oder dem funktionalen Sehen
  5. Die Störung kann nicht allein durch okuläre Probleme erklärt werden [Q1, Q10]

Synonyme

  • CVI (Cerebral Visual Impairment)
  • Zerebrale Visuelle Verarbeitungsstörung
  • Cerebrale visuelle Informationsverarbeitungsstörung
  • Visuelle Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (VVWS) [Q5, Q6]

Unterscheidung: Sehfunktion vs. Funktionales Sehen

Aspekt Sehfunktion (Visual Function) Funktionales Sehen (Functional Vision)
Definition Klinisch messbare Parameter Einsatz visueller Fähigkeiten im Alltag
Messgrößen Visus, Gesichtsfeld, Kontrastsensitivität Alltagsbewältigung, Orientierung, Lesen
CVI-Paradoxon Kann in ruhiger Testumgebung normal erscheinen Bricht in komplexen Alltagssituationen zusammen
[Q1, Q10]

Dieses Paradoxon ist ein Schlüsselkonzept: Kinder mit CVI können beim Augenarzt "normal sehen", aber in der Schule oder im Alltag massiv beeinträchtigt sein. [Q1, Q8]

Ätiologie (Ursachen)

Kategorie Spezifische Ursachen
Perinatale Faktoren Hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (HIE), Sauerstoffmangel bei der Geburt
Frühgeburtlichkeit Periventrikuläre Leukomalazie (PVL), Hirnblutungen, geringes Geburtsgewicht
Genetische Ursachen Williams-Syndrom, Rett-Syndrom, Down-Syndrom (Trisomie 21), Fragiles X-Syndrom
Erworbene Schädigungen Schädel-Hirn-Trauma (SHT), pädiatrischer Schlaganfall, Meningitis, Shaken-Baby-Syndrom
Neurologische Grunderkrankungen Epilepsie, Hydrozephalus, metabolische Störungen
Sonstige Zerebralparese, Spina Bifida, West-Syndrom
[Q1, Q5, Q6, Q26]

Wichtig: In einigen Fällen kann keine bestimmte Ursache gefunden werden. CVI kann auch diagnostiziert werden, wenn keine hirnorganische Ursache gefunden wird. [Q6, Q26]

Zeitpunkt der Schädigung: Je früher die Schädigung eintritt, desto vielfältiger sind die potenziellen Sehstörungen. Bei Eintritt in jungen Jahren können Entwicklungsprozesse der visuellen Wahrnehmung unvollständig bleiben. [Q6]

Prävalenz

  • Bis zu 1 von 30 Kindern in Regelschulen könnte CVI-bezogene Sehschwierigkeiten haben [Q1, Q13]
  • Bis zu 3% Prävalenz in Regelgrundschulen laut Williams et al. (2021) [Q13]
  • Bis zu 70% der Kinder mit Zerebralparese haben CVI [Q1]
  • 80% der Betroffenen nach perinatalen Hirnschädigungen zeigen Sehfunktionsstörungen [Q6]
  • CVI ist die häufigste Ursache für Sehbeeinträchtigungen bei Kindern in Industrienationen [Q1, Q6]

Unterdiagnostizierung

CVI wird häufig fehldiagnostiziert als:

  • ADHS
  • Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
  • Allgemeine Lernbehinderung
  • Verhaltensstörung
  • Mangelnde Intelligenz [Q1, Q13, Q6]

Studie Schroeder (2023): Bei 45-67% der Kinder mit ASS wurden Auffälligkeiten in der visuellen Wahrnehmung gefunden. Umgekehrt zeigten 39% der Kinder mit CVI Auffälligkeiten in ASS-Diagnostikverfahren. → 17 - Aktuelle Forschung [Q13]

ICD-Klassifikation

  • ICD-10: CVI nur indirekt unter Rindenblindheit oder unspezifischen Sehstörungen subsumiert
  • ICD-11: Erkennt die Komplexität an, enthält CVI aber weiterhin nicht als explizite Diagnose
  • Eineindeutige Kodierung und Diagnosekriterien fehlen nach wie vor [Q1, Q13]

Zentrale Merkmale

CVI ist gekennzeichnet durch:

  1. Schwankendes Sehverhalten - abhängig von Tageszeit, Müdigkeit, Umgebung [Q5, Q26]
  2. Paradoxe Sehleistung - gut in Testsituation, schlecht im Alltag [Q1, Q8]
  3. Visuelle Fatigue - schnelle Erschöpfung → 03 - Symptomatik
  4. Crowding-Empfindlichkeit - Probleme bei visueller Komplexität
  5. Individuelle Ausprägung - kein Kind mit CVI gleicht dem anderen [Q7]

Querverweise:

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